von Fritz Hinterberger und Andrea Stocker

Ende 2015 hat die internationale Staatengemeinschaft in Paris beschlossen, den Treibhausgasausstoß der Welt so zu beschränken, um eine globale Klimakrise zu verhindern. Die Erderwärmung soll auf unter zwei Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit begrenzt werden, wenn möglich sogar auf 1,5 Grad.

In dem vom österreichischen Klimafonds geförderten Projekt meetPASS haben wir in den letzten 2 Jahren gezeigt, dass ohne eine ambitionierte Energie- und Ressourcenwende im Business as usual zu erwarten ist, dass die CO2-Emissionen bis 2050 um 38% steigen würden (+3 % pro Kopf). Bei Zugrundelegung der Obergrenze von 770 Gt weltweit, 120 GT in Europa und einer GT in Österreich verblieben somit nur mehr zehn Jahre für die Erreichung vollständiger CO2-Neutralität.

Wir haben in den letzten 20 Jahren wiederholt Szenarien erarbeitet und berechnet, zuletzt eben in meetPASS, und dabei immer wieder zeigen können, dass die für eine echte Transformation erforderlichen Maßnahmen jedenfalls Wachstum ermöglichen und gleichzeitig die Erreichung der Pariser Ziele.

Die von uns vorgeschlagenen untersuchten Maßnahmen und Verhaltensanpassungen entsprechen in etwa dem, was im Sommer 2019 im Referenzplan der österreichischen Klimaforscher gefordert wird, um den notwendigen Wandel herbeizuführen. Die Berechnungen unserer Kollegen von der Gesellschaft für wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) in Osnabrück zeigen, dass dadurch die CO2-Emissionen global um 73 %, pro Kopf sogar um 78 % auf 1 Tonne im Jahr 2050 sinken könnten. Die kumulierten, weltweiten CO2-Emissionen über die Periode 2017-2050 ließen sich demnach – rasche und weitreichende Veränderungen des Handelns vorausgesetzt – auf rund 650 Gt begrenzen.

Was global notwendig ist

Die Modellierungsergebnisse zeigen, dass eine deutliche Beschleunigung und Ausweitung der Klimaschutzmaßnahmen notwendig sind, und das global. Die dafür notwendigen Investitionen belaufen sich für die EU zwischen 2020 und 2050 auf durchschnittlich über 120 Mrd. Euro pro Jahr.

Die erforderliche Energiewende muss begleitet werden durch eine ambitionierte Ressourcenwende, mit dem Ziel, Kreisläufe zu schließen, um primäre Ressourcen zu sparen. Zusätzlich ist ein Wandel der Ernährungsgewohnheiten für die Erreichung der Klimaziele unverzichtbar.

Aus globaler Perspektive ist eine Reduktion des Fleischkonsums außerdem notwendig, um die Abholzung, den Land- und Wasserverbrauch und letztlich auch den Hunger langfristig zu vermeiden. Auch über das Thema Ernährung hinaus kann der notwendige Wandel nur gelingen, wenn nicht nur eine kleine Minderheit die heutigen Paradigmen des materiellen Konsums durch nachhaltige Konsum- und Lebensstile ersetzt, sondern sich dieser Wandel mehr und mehr als Mainstream durchsetzt.

Darüber hinaus weisen die Modellierungsergebnisse darauf hin, dass in Bezug auf die Geschwindigkeit der Transformation eine lineare Denkweise (für den Zeitraum bis 2050) nicht die erforderlichen Systemanpassungen liefert. Sowohl die politischen Interventionen (wie bspw. Steuererhöhungen), als auch die Verhaltensanpassungen müssen insbesondere in den Jahren bis 2030 bereits ein substanzielles Ausmaß erreicht haben. Jedes tatenlose Jahr wäre verhängnisvoll für die Möglichkeit, die Vorgaben der Pariser Klimaziele noch zu erfüllen. Schließlich zeigt das globale meetPASS-Szenario, dass ein sehr breites Bündel an Politikinstrumenten und Verhaltensänderungen notwendig ist, um die Energie-, Ressourcen- und Ernährungswende zu realisieren. Eine weltweite und deutliche budgetneutrale CO2- Bepreisung ist eines der zentralen Elemente in diesem Maßnahmenbündel.

Die erforderliche Transformation in Österreich

Auch für Österreich enthält meetPASS Maßnahmen, die auf Energie- und Ressourcenverbrauchsreduktionen, Effizienzsteigerungen, einen Ausbau erneuerbarer Energie, sowie Verhaltensveränderungen abzielen und in den Sektoren Energie, Transport, Gebäude, Industrie und bei den privaten Haushalten ansetzen. Sowohl Informationskampagnen und Beratung als auch Regulierungen und Maßnahmen, die über den Preis wirken, sind wesentliche Elemente dieses meetPASS-Szenarios. Details über die Maßnahmen finden sich im „Policy Brief“ unter http://meetpass.at/publikationen/ sowie in den dort gespeicherten Working Papers.

Um diese Maßnahmen umsetzen zu können, sind zusätzliche Investitionen nötig, die bis zum Jahr 2050 bis zu zehn Milliarden Euro pro Jahr betragen. Die im meetPASS-Szenario für Österreich vorgesehenen Maßnahmen sind geeignet, die CO2-

Emissionen bis 2050 auf 12 Mio. t zu reduzieren, was einem Einspareffekt von 47 Mio. t oder knapp unter 80% bedeutet. Die kumulierten CO2-Emissionen würden sich im Zeitraum von 2018 bis 2050 dadurch auf 1.078 Mio. t belaufen. Um zu beurteilen, ob die im meetPASS-Szenario erreichte Dekarbonisierung in Österreich ausreicht, um das 1,5°C-Klimaziel auf eine faire Art und Weise zu erreichen, wurde aus dem globalen Kohlenstoffbudget das verbleibende Kohlenstoffbudget für Österreich abgeleitet, indem das gesamte Budget gleichmäßig auf die Weltbevölkerung aufgeteilt wurde. Damit stünde jedem Menschen das gleiche Kontingent an CO2-Emissionen pro Kopf zur Verfügung – unabhängig davon, in welchem Land er oder sie lebt (basierend auf der Bevölkerung im Jahr 2017). Daraus ergibt sich für Österreich bis 2050 ein CO2-Budget von 910 Mio. t (bei einer 50%igen Wahrscheinlichkeit das 1,5°C-Ziel zu erreichen).

Damit würden die kumulierten CO2-Emissionen das für Österreich errechnete CO2-Budget trotz der starken Reduktion um 170 Mio. Tonnen überschreiten, was einer gerechten globalen Verteilung der CO2-Emissionen widerspräche. Im österreichischen meetPASS-Szenario wurden zwar im Vergleich zum globalen Szenario zusätzliche Maßnahmen (z.B. stärkerer Ausbau des Schienennetzes, stärkerer Ausbau der E-Mobilität, schnellere Umsetzung einer auf 100% erneuerbarer Energie beruhenden Stromversorgung) angenommen. Diese sind jedoch nicht in der Lage, die kumulierten Emissionen auf das notwendige Niveau zu reduzieren, um das verbleibende CO2-Budget nicht zu überschreiten. Weitere Maßnahmen (wie z.B. die Reduktion des Fleischkonsums, die sich im meetPASS-Szenario für Österreich nicht abbilden ließ) wären erforderlich.

Denkbar ist auch eine allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit ohne vollen Lohnausgleich, die letztlich auch zu weniger Konsum, weniger Wachstum und damit auch weniger CO2-Emissionen führen würde, was laut Studien von vielen Menschen in Österreich durchaus gewünscht wäre.

Klimaschutz, Wachstum und Beschäftigung

Die Auswirkungen des meetPASS-Szenarios auf die globalen Nachhaltigkeitsziele der UN (SDGs) sind dabei weitgehend vorteilhaft. Neben zahlreichen positiven Synergien lassen sich auch Zielkonflikte in Bezug auf die soziale Verträglichkeit erkennen, die es durch Begleitmaßnahmen zu vermeiden gilt.

Die österreichische Wirtschaft (SDG 8) befindet sich in diesem Szenario weiterhin auf einem Wachstumspfad, der im Vergleich zu einem Szenario ohne zusätzliche Klimaschutzmaßnahmen (Business as usual – BAU – Szenario) bis zu 3 % bzw. 10 Mrd. Euro höher ist. Dieser beruht vor allem auf umfangreichen Investitionen in die Umstrukturierung des Energiesystems, in die Verbesserung der Energie- und Ressourceneffizienz und in den Transportsektor. Gedämpft wird das Wirtschaftswachstum durch ein schwächeres Exportwachstum, da sich der Welthandel weniger dynamisch entwickelt. Da die Importe nach wie vor niedriger sind, bleibt der Außenbeitrag Österreichs positiv.

Die positive Wirtschaftsentwicklung wirkt sich auch vorteilhaft auf die Beschäftigung (Indikator für SDG Target 8.2) aus. Zugleich ändert sich die Beschäftigungsstruktur (Indikator für SDG Target 8.1): Während die Zahl der Erwerbstätigen im verarbeitenden Gewerbe generell weniger stark wächst, als im „Weiter wie bisher“-Szenario, erhöht sie sich in den Dienstleistungsbereichen stärker. Einzelne Branchen des verarbeitenden Gewerbes wie der Maschinenbau und der Elektroindustrie profitieren von den höheren Investitionen wie auch das Bauwesen durch stärkere Sanierungsaktivitäten im Gebäudesektor. Während mehr Jobs im Bereich erneuerbarer Energie entstehen, geht deren Anzahl in energieintensiven Branchen (z. B. in der Kokerei und mineralölverarbeitenden Industrie) zurück.

Fazit: Wirtschaft und Beschäftigung profitieren

Die erforderliche Transformation ist eine Herkulesaufgabe. Sie wird aber, wenn sie auf einer kontinuierlichen Veränderung der wichtigsten Faktoren (Preise, Investitionen, Verhalten) über die nächsten 30 Jahre (bis 2050) basiert, das ohnehin als gering zu erwartende Wachstum des BIP nicht zusätzlich schwächen. Eine sozial-ökologische Steuerreform erhöht die (Ressourcen-)Produktivität ebenso wie die Wettbewerbsfähigkeit und die erforderlichen Investitionen wirken über den dadurch ausgelösten Multiplikatoreffekt „expansiv“, erhöhen also das BIP.

Auch wenn andere Maßnahmen eines erforderlichen Mixes – ganz ähnlich dem, wie er auch im Referenzplan der österreichischen Klimaforscher vorgeschlagen wird (und meetPASS daher darin auch mehrmals zitiert wurde) – diese Effekte konterkarieren, so ist der Gesamteffekt deutlich positiv – und zwar in Österreich, in Europa und weltweit.

Natürlich wird dieses Wachstum ein anderes sein als im Business as usual und möglicherweise pro € auch mit einer höheren subjektiven Lebensqualität verbunden. Und in jedem Fall liegt das Wachstum der nächsten drei Jahrzehnte deutlich unter dem der vergangenen 30 Jahre (um die 1% für Österreich und die EU bzw. 3% global).

Further Research is needed

Diese Ergebnisse replizieren wie gesagt einschlägige Erkenntnisse aus einem halben Dutzend früherer Projekte (für verschiedene österreichische und deutsche Ministerien, die Anglo-German Foundation, die Aachener Stiftung und die EU). Siehe vor allem polfree.seri.at und www.energiemodell.at

In einem kommenden Projekt wollen wir für das Sozialministerium die Effekte einzelner Maßnahmen (anstatt umfassender Maßnahmenbündel) betrachten, um die Effekte genauer analysieren zu können.

Quellen

Details finden sich in den Working Papers, Fact Sheets und einem Policy Brief unter www.meetPASS.at/publikationen

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