Lieber Gedanken als Ressourcen verschwenden!

Die wirtschaftlichen Verflechtungen in unserer heutigen Welt sind ungeheuer komplex. Ganz selbstverständlich scheinen uns – zumindest aus mitteleuropäischer Perspektive – die wie am Schnürchen funktionierende globale Rohstoffbeschaffung und Güterproduktion inklusive Logistikprozessen und Handel. Nie zuvor konnten wir auf eine solche Vielzahl an technischen Neuerungen vertrauen, die uns halfen, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Wir erschaffen uns eine Parallelwelt durch unzählige industrielle Verwandlungsprozesse der natürlich vorkommenden Naturstoffe in „Kunst-Stoffe“. Nie zuvor war es einfacher, per Handgriff ins reale Regal oder per Mausklick ins virtuelle Regal ein gewünschtes Produkt für den persönlichen Konsum auszuwählen – egal, ob eine Mango aus Brasilien, ein Wein aus Chile, ein Fotoapparat aus Japan, ein Smartphone aus Korea – oder eine bekannte farbenfrohe Waffel aus Wien. Think locally, act globally.

Doch nach welchen Kriterien wählen wir Produkte bewusst oder unbewusst aus? Welche Informationen stehen uns unmittelbar zur Verfügung und welche „Werkzeuge“ besitzen wir, weitere zu beschaffen, diese zu prüfen und zu bewerten?

Blenden wir in der Zeit zurück: Früher gab es Subsistenzwirtschaft, nur wenig zusätzliche Produkte mussten lokal gekauft werden, der regionale und regionenübergreifende Handel war ebenfalls auf einzelne Produkte beschränkt. Lebensmittel, die für uns heute selbstverständlich sind, waren früher kostbare Waren. Davon zeugen beim Kochsalz z.B. die „Salzstrassen“ oder „Salzhäuser“. Erlesene Gewürze aus fernen Ländern wurden bisweilen in Gold aufgewogen. Kurz: Die Auswahl war gering, Werbung so wie heute nicht vorhanden. Wenn es denn eine Wahl zwischen Produkten gab, so waren die Kriterien dafür offensichtlich und meist leicht bewertbar. Think locally, act locally.

Sind wir trotz dieser rasanten wirtschaftlichen Entwicklung immer noch in der Lage, fundierte Kaufentscheidungen auf Basis von klaren Kaufkriterien zu fällen? Wer vermittelt uns, welche Kaufkriterien wir anwenden sollten? Wie reflektieren wir Kaufentscheidungen?

Wir sollten wissen, was wir mit unseren Kaufentscheidungen alles „bewegen“ – Menschen, Maschinen, Fahrzeuge, Produktströme, Materialflüsse, Energienutzung. Da bei den heutigen Verflechtungen sehr schnell die Komplexität der Antworten enorm sein kann, gilt es, als Konsumenten durch gezielte Fragen bei den geeigneten Informationsquellen Antworten zu finden. Dabei spielt die kollaborative Vernetzung der Konsumenten auf realer und virtueller Ebene „entlang der Produktströme“ eine entscheidende Rolle. Think globally, act globally.

Daher haben wir im Vorfeld zu diesem Projekt an diversen Orten (Schule, VHS-Event, Technisches Museum) vornehmlich junge Konsumenten eingeladen, sich vertieft über die Produkte Gedanken zu machen, die für sie im Alltag relevant sind: Welche Lebensgeschichten können Alltagsprodukte haben? Aus welchen Rohstoffen bestehen sie? Welches sind die zentralen Verarbeitungs- und Transportschritte? Welche Schritte fordern einen hohen Energieeinsatz? Welche Entsorgungsmöglichkeiten bestehen? Welche Alternativen für den gleichen „Service“ bestehen?

Dabei hat sich gezeigt, dass eine einzelne „Workshop-Einheit“ zwar anregend war, meist aber nicht breit und auch nicht tief genug gehen konnte. Aus diesem Grund bietet es sich an, zunächst eine Reihe von Einheiten für einen ganzen „Basis-Workshop“ anzubieten, der sowohl das nötige Vorwissen vermittelt als auch genug Zeit bietet, ausgewählte Alltagsprodukte eingehend zu untersuchen und die Ergebnisse selbst und in der Gruppe zu reflektieren.


Die Workshops

Übergeordnetes Ziel im Sinne der Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) und des Globalen Lernens ist es, den Workshop-TeilnehmerInnen bewusst zu machen, welche Teilhabe- und Gestaltungsmöglichkeiten an einer Entwicklung sie haben, die sowohl umwelt- als auch sozialverträglich ist.

Unser  „Basis-Workshop“ wendet sich primär an Jugendliche im Alter von circa 12 bis 15 Jahren. Im Zentrum steht die Aufdeckung und persönliche Bewertung der Lebensgeschichte von ausgewählten Alltagsprodukten. Die Jugendlichen werden eingeladen, kollaborativ eine Handlungsanleitung („Smart Shopping Guide“) mit einer Art Werkzeugkasten („Smart Shopping Tool Box“) mitzuentwickeln, dessen Hintergrundinfos und Frage-Werkzeuge sie situativ auswählen und bei Kaufentscheidungen einsetzen können. Er ermuntert sie zu neuen Fragen bei der Auswahl und dem Kauf von Produkten und befähigt sie zugleich, zufriedenstellende Antworten darauf v.a. durch Vernetzung mit anderen TeilnehmerInnen zu finden.

Daran anschließen können weitere „Aufbau-Workshops“, in denen die Dimensionen des Basis-Workshops erweitert werden: weitere Produktgruppen zur Untersuchung, höherer Komplexitätsgrad der Untersuchungen, andere Bevölkerungsschichten, weitere Regionen/Länder, erweiterte virtuelle Kollaborationsmöglichkeiten.


Kontakt

Harald Mattenberger
harald.mattenberger[at]seri.at