Blogbeitrag von Fritz Hinterberger

Sonntag Abend: ich komme mit vollem Kopf (und einiger Verspätung – „Baustelle in Italien und Notwendiger Triebfahrzeugwechsel“) aus Venedig zurück. Drei Tage Kunst, Kulinarik und Kopf durchlüften. Drei Tage bedeuten: nur einen Bruchteil des gezeigten wirklich aufnehmen zu können. Die Touristenströme sind wirklich ein Wahnsinn und doch nur auf wenige Gassen und Plätze beschränkt. Und auf die Biennale natürlich. Irgendwann lässt man sich nur mehr treiben und gar nicht mehr ein auf die x-te Videoinstallation.

Was ich mich immer wieder gefragt habe: geht es hier um Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft? Natürlich geht es um alle drei – aber in doch recht unterschiedlicher Gewichtung. Etwa wenn man den österreichischen mit dem brasilianischen Beitrag vergleicht – zwei gänzlich verschiedene Auseinandersetzungen mit Themen wie Sex und Gewalt, einigermaßen rückwärtsgewandt der erste, recht gegenwärtig hingegen der zweite. Oder weist er bereits in die Zukunft?

Die Zukunft wird jedenfalls immer wieder thematisiert – von Andorra bis Zimbabwe in national kuratierten Pavillions, also immer auch politisch.

Apropos Politik.

Vorige Woche hat sich eine Gruppe von Zukunftsjournalisten (noch keine *innen, leider) zusammen gefunden, um gemeinsam cooppa-Mitgründer Manfred Ronzheimer dabei zu unterstützen, die „Zukunft“ wieder ins Licht der Politik zu rücken. Siehe dazu den Twitter-Hashtag #KuratorFürZukunft. Eigentlich interessant, dass es einer solchen Initiative überhaupt bedarf – geht es in der Politik eigentlich nicht IMMER um Zukunft? Wir sind mit cooppa jedenfalls von Anfang an dabei: siehe cooppa.at/tag/zukunft/ – z.B. heute schon mit einem Ausblick auf die wichtigsten Zukunfts-Termine der Woche – sowie dieser Zusammenstellung.

In unserem spannenden (und viel zu kurz laufenden) Projekt „Ja zu Braunau!“ bereiten wir mit unseren Partnern in der Region sowie den wissenschaftlichen Partnern von planetYES, Footprint consult und Chalmers Universität den ersten großen Workshop für Ende Oktober vor, bei dem wir die regionalen Akteure aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, dabei unterstützen wollen, gemeinsam in eine nachhalige Zukunft zu gehen. Unser Claim: Der Bezirk wird glücklich, ressourcen-effizient, kohlenstoffarm – und bleibt wirtschaftlich erfolgreich. Mehr unter www.ja-zu-braunau.at

Am Mittwoch beginnt meine Lehrveranstaltung an der Angewandten: Quality of Life, Planetary Boundaries and Economic Growth für Studierende im Bachelor-Studiengang „Cross-disciplinary Strategies“ – für mich eine aufregende neue Sache, auch wenn mir die Inhalte, die ich lehre, weitgehend vertraut sind. Aber an der Angewandten? Mal seh’n, wie das wird. 19 Studierende haben sich angemeldet. Auch an der BOKU lese ich in diesem Wintersemester wieder meine „Nachhaltige Entwicklung I“ – beginnt aber erst in 6 Wochen.

Und dann noch einmal Zukunft: für das Österreichische Sozialminsterium arbeite ich – aufbauend auf dem großen meetPASS-Projekt für den Klimafonds (www.meetPASS.at) – gemeinsam mit den Kollegen von der GWS in Osnabrück an Szenarien für eine Zukunft, die es ermöglicht, die Pariser Klimaziele zu erreichen – diesmal mit einem besonderen Fokus auf den Arbeitsmarkt.

Ich arbeite mit Hochdruck dran, möchte mir aber zunächst einen besseren Überblick verschaffen, was aktuell so diskutiert wird. Der Referenzplan der österreichischen Klimawissenschaft, an dem ich ja selber auch ein wenig mitarbeiten durfte. Das deutsche Klimapaket, Parteiprogramme vor und nach der Wahl, Statements von Arbeiterkammer und Gewerkschaft, Wirtschaftskammer und In dustzriellenvereinigung, unsere eigenen Vorprojekte, …

Wichtig ist mir an diesem Projekt, dass die Maßnahmen einzeln „gerechnet“ werden, um die Effekte besser zu verstehen, aber dann auch in einer Kombination, die nur zusammen genommen zu einer substantiellen Verbesserung in Bezug auf das Klima führen.

Natürlich geht es um

  • CO2-Preis (ev. differenziert nach Steuer und Trading System – jedenfalls muss das bestehende System berücksichtigt werden). Dann ist auch die Frage, ob beispielsweise Mautsysteme noch obendrauf kommen oder als Teil einer Gesamtpreiserhöhung gesehen werden. Wichtig ist aber, dass deutlich wird, dass es nicht NUR um die Autofahrer geht, sondern um die Wirtschaft! Hier eventuell 2-3 Varianten. Nur so ist ein echter Strukturwandel möglich.
  • Gebäudesanierung, Landwirtschaft,
  • Investitionen in Erneuerbare aber auch Kreislaufwirtschaft, Verkehr, Effizienzerhöhung- – Importabgaben/Zölle…
  • Flugabgabe ist prima vista auch schwierig, sollten wir uns aber anschauen.
  • mehr Dienstleistungen (Bildung, Forschung…, aber auch Reparatur, Sharing…)
  • Arbeitszeitsverkürzung (immer noch mein Lieblingsthema) in geeigneter Form
  • Fleischkonsum und Lebensmittelabfälle werden ein Thema sein müssen

Das muss aber jetzt alles konkretisiert und quantifiziert werden. Dann würd‘ ich gerne auch (wieder) mit ExpertInnen undf Stakeholdern darüber diskutieren, damit die Szenarien auch eine (politische) Relevanz haben.

Und diese Frage beschäftigt uns natürlich auch beim Austrian Chapter des Club of Rome – aktuell bereiten wir eine Veranstaltung anlässlich der COP25 in Chile vor. Inklusive politischem Panel. Eine spannende Woche beginnt!